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Sicherung historischer Sorten und wertvoller Einzelgehölze
durch genetisch-identische Vermehrung und Anlage einer Lebendsammlung in der Branitzer Baumuniversität
Ziel der Maßnahme
Erhalt der Sortenvielfalt sowie bildprägender Gehölze mit besonderem gestalterischem bzw. botanischem Wert für das Gartendenkmal
Einleitung
Charaktervolle Baumindividuen und dendrologische Besonderheiten zeichnen historische Gärten aus. Sie sind Teil ihrer Entstehungsgeschichte und Identität. In der Branitzer Parklandschaft mit ihren 30.000 Bäumen sind dies unter anderem die gigantischen Blut-Buchen (Fagus sylvatica f. atropunicea) im Pleasureground und die markanten Grau-Pappeln (Populus x canescens), die farbliche Akzente in der Parkanlage setzen.
Weniger auffällig, aber ebenso wertvoll sind beispielsweise seltene Ziersträucher wie Ulmenblättriger Spierstrauch (Spiraea chamaedryfolia var. ulmifolia) oder Eichenblättriger Goldregen (Laburnum anagyroides 'Quercifolium'). Ein Abgleich mit archivalischen Pflanzenlisten zeigt, dass nur noch ein Bruchteil der einstigen Sortenvielfalt in der Anlage zu finden ist. Neben den Züchtungen sind es aber auch klassische Arten (wie z.B. Winter-Linde), von denen einzelne Exemplare durch einen individuellen, charakteristischen Wuchs hervorstechen.
Allen gemein ist das Problem der Überalterung und die damit einhergehende Gefahr des Verlusts (durch Krankheiten, Stürme o. dgl.) im Erscheinungsbild der Anlage.
Maßnahmenbeschreibung
Will man Nachkommen originärer, bildprägender Altgehölze erhalten und gleichzeitig sicherstellen, dass die charakteristischen optischen Merkmale bewahrt bleiben, muss eine genetisch identische Vermehrung vorgenommen werden. Aussaat bringt zumeist wegen der Gefahr der Hybridisierung (Einkreuzung) keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Es kommen daher, je nach Gehölzart, die Methoden der Veredelung, der Vermehrung über Steckhölzer, Absenker oder Wurzelausläufer sowie die In-vitro-Vermehrung in Betracht. Bis auf Letztere werden alle Verfahren durch die Baumschulgärtner der Stiftung in Eigenregie angewandt.
Die Vermehrung im Labor wurde zuletzt 2013 im Zuge des Projekts „Wiedergeburt von Baumgiganten“ (s. Literaturangaben) angewendet und durch die Humboldt-Universität zu Berlin realisiert. Die Methode wird seit Herbst 2025 im Rahmen des Aufbaus der neuen Branitzer Baumuniversität in größerem Umfang angewendet – insbesondere für die seit 2023 im Aufbau befindliche Lebendsammlung in der neuen Branitzer Baumuniversität, die schon jetzt eine große Anzahl selten gewordener Sorten beherbergt (Stand 2024: 300 Arten und Sorten und 3000 Pflanzen). Es handelt sich dabei um eine Genbank mit lebenden Pflanzen, so genannten „Mutterbäumen“ (bzw. -sträuchern), die den Grundstock zur genetischen Sicherung und Weitervermehrung darstellen. Aktuell befindet sich die Sammlung noch teilweise in der historischen „Baumuniversität“ in der Schlossgärtnerei und wird seit 2023 schrittweise in die neue Branitzer Baumuniversität im Außenpark umgepflanzt – öffentlich zugänglich und botanisch beschildert. Seit 2024 ist die Stiftung mit der Branitzer Baumuniversität Mitglied im Verband botanischer Gärten e.V.
Die Notwendigkeit dieser Maßnahme liegt schlichtweg im sukzessiven Aussterben der historischen Sorten, die nur noch sehr selten bzw. gar nicht mehr in Kultur sind. Entsprechend groß sind die Schwierigkeiten der Wiederbeschaffung und umso wichtiger ist die Rettung dieses gärtnerischen Erbes. Es finden bei Weitem nicht nur Sorten aus dem gegenwärtigen Gehölzbestand der Branitzer Parklandschaft Eingang in diese „Arche Noah“. So werden auch verschwundene, aber archivalisch nachweisbare Sorten wiedereingeführt und gesichert. Die Sammlung ist aber prinzipiell nicht auf das Sortiment der eigenen Anlage beschränkt, sondern offen für sämtliche Gehölzsorten landschaftlicher Parks des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Folglich soll das Vorhaben auch anderen Gartendenkmalen zugutekommen.
Direkte Effekte
Bewahrung historischer Kultursorten
Anzucht historischer Kultursorten für Nachpflanzungen
Indirekte Effekte
Beitrag zum Erhalt des originären Erscheinungsbildes historischer Gärten
Beitrag zum Erhalt der biologischen/genetischen Vielfalt in historischen Gärten
Eignung / Wertung / Probleme
Die Verfügbarkeit geeigneter Veredelungsunterlagen gestaltet sich häufig schwierig.
Die Beschaffung/Wiedereinführung verschwundener Sorten erfordert ein gutes Netzwerk mit historischen Gärten, botanischen Gärten und privaten Pflanzensammlungen (auch im Ausland)
Die Bestimmung historischer Sorten erfordert große Fachkenntnis. Das Wissen um die Sorten verschwindet ebenfalls zunehmend.
Vorteil der In-vitro-Vermehrung ist, dass die so gewonnen Pflanzen eigene Wurzeln hervorbringen, während eine Veredelung immer eine potenzielle Schwachstelle darstellt. Jedoch ist die Methode deutlich teurer und nur in geeigneten Laboren durchführbar, zumal sie nicht bei allen Gattungen erfolgsversprechend ist und gerade bei überaltertem Ausgangsmaterial eine geringe Erfolgsquote zeigt.
Erfolg
Dutzende historische Sorten konnten inzwischen durch Vermehrung genetisch gesichert werden oder mithilfe archivalischer Unterlagen und Kooperationen mit anderen Sammlungen wiedereingeführt werden.
Monitoring und Dokumentation
Die jungen Nachzuchten werden wegen des anfänglichen Pflegeaufwands im Gewächshaus oder Freilandquartier nahezu täglich in Augenschein genommen. In einem digitalen Inventar werden Angaben wie Standort des Mutterbaums/-strauchs, ggf. Veredelungsunterlage und archivalischer Nachweis vermerkt.
Umwelt- und Standortbedingungen / Rahmenbedingungen
Standortbedingungen:
Lage der Branitzer Parklandschaft in der Lausitz als eine der trockensten Regionen Deutschlands, überwiegend sandige Böden
Klimadaten
Wetterdaten für Cottbus (Quelle: DWD)
Jahresmitteltemperatur (1991–2020): 10,0 Grad Celsius
Höchste Jahresmitteltemperatur (2019): 11,4 Grad Celsius
Niedrigste Jahresmitteltemperatur (1996): 7,8 Grad Celsius
Absolutes Temp.maximum (2022): 39,2 Grad Celsius (gemessen in 2 m Höhe)
2022 lag die Jahresmitteltemperatur mit 11,0 Grad Celsius um 1 Grad Celsius über dem langjährigen Monatsmittelwert (1991–2020).
Jahresniederschlag im Mittel (1991–2020): 566,0 mm
Höchster Jahresniederschlag (2010): 816,8 mm
Niedrigster Jahresniederschlag (2006): 352,7 mm
Autoren
Team der Branitzer Baumuniversität, Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz
Bilder
Investitionskosten
Realisierung der Lebendsammlung in der „neuen Branitzer Baumuniversität“: aktuell schätzungsweise 500.000 € (zzgl. Eigenleistungen)
Laufende Betriebskosten
2 eigene Baumschulgärtner als VZÄ
2 Wissenschaftler als VZÄ
Kooperationspartner:innen
Hochschule Geisenheim University
Humboldt-Universität zu Berlin – Späth-Arboretum
Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU)
Technische Universität Dresden – Fakultät Umweltwissenschaften
Fördermittelgeber
Interreg (2011-2013), DBU (2013-2014), BBSR (Bundesprogramm „Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“ 2021-2026), EFRE (2025-2028)
Projektlaufzeit
seit 2012
Download
Weiterführende Links
Weiterführende Literatur
Wecke, Claudius/Weber, Karola (Hrsg.): Wiedergeburt von Baumgiganten. Vermehrung wertvoller Gehölze als Instrument der Gartendenkmalpflege und des Naturschutzes, Berlin, 2014.
Wecke, Claudius/Haase, Christoph: Die Baumuniversität im Branitzer Park. Gartendenkmalgerechte Gehölzvermehrung in Zeiten des Klimawandels, in: DGGL (Hrsg.): Gärten im Klimawandel. Herausforderungen, Konzepte, Perspektiven, Berlin, 2021.
Zuständige Schlösserverwaltung
Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz